Archiv der Kategorie 'Roly Review '

Monika Kruse: Changes of Perception (terminal m)

moni

Es gab einmal Techno und damit verbunden die Vision einer neuen,
hierarchiefreien Gemeinschaft, doch in der Welt da draussen war irgendwann
wieder Ernüchterung an der Tagesordnung und die Nacht mehr oder weniger zum
Schlafen da. Zur Agenda 2010 und dem Hartz-IV-Drohszenario will
Pop-Hedonismus nun mal nicht passen. Aber ein ganz kleiner, froh stimmender
Nachhall dieser optimistischen Aufbruchsstimmung, ist auf dem neuen Album
der Grand Dame des Techno noch bzw. wieder zu spüren. Die zweifache
Labelchefin und couragierte Aktivistin gegen Fremdenfeindlichkeit vollzieht
mit ihrem ersten Solo-Album „Changes Of Perception“ und ihrem neuen
musikalischen Weggefährten Gregor Tresher einen musikalischen
Richtungswechsel: Von Deep House über an Detroit geschulten Tanz-Krachern
bis zu weich federnden Grooves werden hier noch einmal geradezu wehmütig all
jene Spielarten aufgefächert, die in der elektronischen Musik der Neunziger
tonangebend waren. Nach der Begrüssung „Alo“ singt sie auf „Don’t come
close” selbst, bevor sich der dichte Titeltrack subtil und langsam aber
stetig zu seinem wohl geplanten Höhepunkt hinbewegt. Neben dem
melancholischen „Fragile” ist vor allem „Spank me later” sehr intensiv und
mit seinen Acid-Basslines genauso kompromisslos, wie die unmissverständliche
Wortwahl, die wohl keiner weiteren Erklärung bedarf. Ein ungefiltert
hymnisches Konzeptalbum, das mit einer sehr eindrucksvollen Intensität aus
10 ineinander gemixten Einzeltracks, den neuen musikalischen Ansatz von
Monika Kruse widerspiegelt.

Monika Kruse – Changes Of Perception (Marek Hemmann Remix)

myspace.com/monikakrusemusic
www.monikakruse.de
www.terminalm.com

üNN: Exit (mikrolux)

ünn

Vor 20 Jahren veröffentlichte er mit Tribantura „Lack Of Sense“ auf
Talla2XLCs einstigem Label TDI seinen allerersten Titel, auch sein wohl
bekanntestes Projekt üNN wird nun genau zehn Jahre alt. So feiert der
Frankfurter Multimedia-Künstler Frank Rückert dieses Jahr doppelt und legt
mit „Exit“ sein fünftes Album vor. Der Name der Produktion steht für das
Entfliehen aus stilistisch engen Schubladen und der Freiheit eines
Künstlers, sein musikalisches Verständnis frei auszuleben. Und das Album
enthält wirklich eine Fülle ambientgeladener und vokal angereicherter
Soundscapes, die ihren experimentellen, innovativen Reiz durch die
verschiedensten musikalischen Einflüsse von Techno und Electro über
Synthie-Pop bis hin zu Industrial und Dark Wave erlangen. Im Vergleich zu
seinem chilligen Vorgänger „Silence“ ist das neue Werk wesentlich grooviger.
In Tracks wie „Love Me“ und „Touch My Soul“ fasst üNN die schönen Seiten des
irdischen Lebens in hörbare Poesie. „Do You Remember“ und „Sense Of Liberty“
sind fantastisch, und dem vokalen Gastauftritt von La Gonzesse in „Escape
The Time“ folgen Tracks wie das tanzbare „The Hidden Note“, das trippige
„Asteroid“ und das brennende „Exploding Sun“, die sich immer weiter von der
Erde entfernen. Schließlich ist jedes Ende auch ein Neuanfang und das
leichte „Burning“ flackert diesem zu guter Letzt in entspannter Erwartung
entgegen. Stark produziert verbreiten hier die 14 Klangperlen eine angenehm
beruhigende Stimmung.

VÖ: 25.07.2008

www.myspace.com/elektroluxlounge
www.myspace.com/mikrolux
www.elektrolux.com
www.mikrolux.com

X-102 aka Jeff Mills & Mike Banks: X-102 re-discovers the Rings Of Saturn (tresor records)

ur

UR. – Am 2. November 1989 gegründet, betreibt Mike Banks seit dem Ausstieg von Jeff Mills und Robert Hood im Jahre 1992 als einziges Gründungsmitglied Underground Resistance weiter fort. 1992 lieferten die drei Pioniere das vielleicht zukunftsweisendste Album für die heutige elektronische Musik: X-102 discovers The Rings Of Saturn (Tresor.004/UR). Die Tracks der X-102 kamen auf das Minimale reduziert, loopend, mit geringerer BPM-Zahl, spacig, manchmal auch ohne Beats daher. Auf dem Weg zum Saturn überholten sie sich selbst und waren der Zeit um mindestens 15 Jahre voraus. Erst seit den Cassini/Huygen Missionen gibt es mehr Bilder und Erkenntnisse über den Saturn, seine Monde, seine Ringe und ihre Beschaffenheiten. Die Faszination, die der Planet auf Jeff Mills ausgeübt hat, blieb immer bestehen, aber nur zusammen mit „Mad“ Mike wollte er sich dem Projekt noch einmal widmen. Nun haben sie wieder zusammengefunden und starten 2008 mit „X-102 rediscovers The Rings Of Saturn“ gemeinsam ihre zweite Saturn-Mission. Doch die Innovatoren wären keine Innovatoren, wenn sie nicht, aufbauend auf den Tracks der ersten Mission (weshalb Robert Hood auch weiterhin indirekt zum Projekt gehört) mit neuen und bisher unveröffentlichten Tracks ihren persönlichen Entwicklungen und den Erkenntnissen der Weltraumforschung Rechnung tragen würden. Und natürlich wieder Richtungen weisen. Diese 20 Tracks starke Reise lässt daran keinen Zweifel.

VÖ: Juli 2008

www.undergroundresistance.com
www.tresorberlin.com

Christopher D Ashley: Cruel Romantics (Sunday best)

sluttish warehouse

„Sluttish warehouse electro from London’s coolest new producer” heisst es in der NME. „Pop with a hint of Depeche Mode meets Warp Records“, schreibt IDJ. Und dass Christopher D Ashley ein Vertreter der neuen New Romantics-Retro-Welle ist, hört man bei seinem Debut Album „Cruel Romantics” sofort, allerdings beinhaltet seine Musik nicht die Basildon Synth-Muster eines Vince Clarke, was aber auch nicht so schlimm ist. Zu seinen grössten Fans gehören Andrew Weatherall & Keith Tenniswood, und letzterer spielt sogar in Ashleys Liveband mit. Bei meinen Recherchen komme ich bei derartigen Alben immer auf abstruses Halbwissen, man wolle hier das Ganze als Mischung aus Achtziger und Hot Chip verkaufen wollen und man solle doch besser auf Fischerspooner auf der einen Seite und echten Indie-Gitarren Bands auf der anderen Seite zurückgreifen. Kann das beim besten Willen nicht nachvollziehen, da wir nunmal 2008 haben und Tracks wie „Sugar Coated Lies”, „Colour Of Truth”, „Another Way To Feel”, „We Are Shining”, „You And Me Bobby Sox” oder „Take Me” nicht nur Referenzen oder Reminiszenzen an die frühen 80er aufweisen, sondern auch die melancholischen Electro-Pop-Vibes dieser Zeit vermitteln. Ob das jetzt nach New Order oder Ultravox klingt oder nicht, überlasse ich den Chefanalytikern. Ich fühl’ mich bei den Songs einfach gut. Und das neunminütige Acid-Bass-Monster „We Ain‘t Through” wird wohl übrigens auch Fans der 90er zufrieden stellen.

VÖ: 30.05.2008

http://www.myspace.com/christopherdashley
http://www.myspace.com/sundaybestrecordings
http://www.christopherdashley.com/
http://www.sundaybest.net/

Grossstadtgeflüster: Bis einer heult (chicken soup)

großstadtgeflüster

Seit 2003 bereichern Sängerin Jen Bender, Bassmonster Raphael Schalz und
Schlagzeuger Chriz Falk die deutschsprachige Musiklandschaft mit ihrem
rotzfrechen Elektro-Pop. 2006 erschien die erste Single „Liebe schmeckt gut“
von ihrem Debütalbum „Muss laut sein“, dessen Texte sich – oftmals in
hedonistischer Weise – um Themen wie Liebe, Sex, Feiern und persönliche
Freiheit drehen. „Ich muss gar nix außer schlafen, trinken, atmen und ficken
und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken“ wurde deort skandiert.
Mit dem zweiten Album geht es in völliger Eigenregie weiter „bis einer
heult!!!“. Beim Hören drängen sich ab und zu Vergleiche zu Paula, MIA oder
Wir sind Helden auf. Dennoch kann man der Berliner Tanz-Kapelle ihre
Eigenständigkeit nicht absprechen. Ihre Melange aus liebevollen Club-Tracks,
ironisch-intelligenten Texten und der sehr charmanten, gewohnt lasziv bis
sexy brodelnden Stimme von Jen bringt das Lebensgefühl selbstbewußter,
nichtstromlinienförmiger Querdenker auf den Punkt. Der Song „Lebenslauf“
vertont eine Problematik vieler Twens, „Du meckerst immer“ ist grossartig
amüsant, das dekadente „Los Dicker Tanz“ erinnert mich an Falcos geniales
„Titanic“, und geile Tracks wie „Ein guter Tag zum Weinen“, „Overdressed &
Underfucked“, „Rock’n’Roll Sexappeal“ und „Komm zu Mama“ sowie das
melancholische Outro bedürfen keiner Worte mehr. Genretechnisch bitte zu den
Sportsocken verschubladisieren. Grossstadtgeflüster ist übrigens auch gut
gegen Cellulite. IchBinHuiDuBistBuhDuBistSchubiIchBinDu …

VÖ: 30.05.2008
http://www.myspace.com/grossstadtgefluester
http://www.gsgf.de/
http://www.bassstadt.de/